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Monatsspruch Dezember

Monatsspruch Dezember
Veröffentlicht am Do., 24. Nov. 2022 09:50 Uhr
Impulse

„Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie“. (Jesaja 11,6)

 Unser Monatsspruch für den Monat Dezember 2022 gehört zu der Messiasverheißung im Jesajabuch und ist meines Erachtens eines der schönsten Gedichte über die Sehnsucht, das die Weltliteratur bewahrt hat.

Aus diesem Grunde möchte diese wundervolle Verheißung einmal im Ganzen zu Wort kommen lassen.

 „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Baumstumpf Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.Und er wird Wohlgefallen haben an der Furcht des Herrn. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stock seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. Dann werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcklein lagern. Kalb und Löwe weiden zusammen und ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kühe und Bären werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh essen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Schlange und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg, denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.“

Unser Vers, als Teil dieser Verheißung ist eine Umkehrung dessen, was wir kennen. Deutlich wird wohin Gottes Wille für unsere Welt gerichtet ist: Ein gerechtes und friedvolles Reich Gottes...“Kalb und Löwe weiden zusammen…“ Ein Leben ohne Macht oder Unterdrückung oder das Recht des Stärkeren. Davon singen wir und dafür beten wir besonders in der Adventszeit und an Weihnachten. Weihnachten. Eine besondere Atmosphäre beherrscht für 30 Tage das Leben. Warum? Vielleicht liegt es daran, dass kein anderes Fest unsere innersten Sehnsüchte so stark berührt wie das Weihnachtsfest.

Weihnachten bringt uns Jahr um Jahr mit unserer Sehnsucht nach heilem, gelingendem Leben in Berührung. Einem Leben, in dem nicht das Vordergründige zählt, in dem nicht nach Hörensagen abgeurteilt und mit dem ersten Blick das vernichtende Urteil gesprochen wird. Weihnachten bringt uns mit unserer Sehnsucht nach einem gerechten Leben in Berührung. Einem Leben im Frieden, Unser Leben trägt in sich die Sehnsucht nach etwas Neuem, nach Unverbrauchtem, nach neuen Chancen und Änderungen, die Sehnsucht nach einem Leben, das gelingen kann.

Noch einmal neu anfangen dürfen, frei von Schuld, noch einmal alle Möglichkeiten offen haben, das ist unsere Lebenssehnsucht. In schwierigen Zeiten, dann, wenn sich Nacht über unsere Seele senkt, wenn wir verzweifelt sind und unruhig fragen, was wohl noch alles kommen mag und wie es weiter gehen wird, wenn uns alles über den Kopf zu wachsen droht, in solchen Zeiten fühlen wir diese Sehnsucht. Hören ihre Töne in uns. Dieses Lied der Sehnsucht singt uns ins Herz und ins Ohr – Eure Sehnsucht wird sich erfüllen. Gebt sie nicht auf! Eure Sehnsucht wird sich erfüllen – denn es wird einer kommen, in dem wird Gottes Geist ganz und ungebrochen da sein wird. Dieser Mensch, in ihm wird sich eure Sehnsucht erfüllen. Weil dieser Mensch die Sehnsucht der Menschen selbst gespürt, ertragen, durchlitten hat und doch auch ihre Kraft gespürt hat, von ihr getragen und beflügelte war, deshalb wird er unsere Sehnsucht mit Gottes Welt zusammenbringen. Dieser Mensch wird die Welt verändern. Er wird das Neue wagen, mitten im Alten. Mit uns. Die Hilflosen wird er nicht beschimpfen und diffamieren, sondern wird sie aufrichten und für das Leben gewinnen.

Dennoch – allem Augenschein zum Trotz – ist ein neuer Zweig an einer verdorrten Wurzel aufgebrochen. Wir sehen eine Knospe im Wind. Wir riechen den Duft neuer Blüten. Wir sehen erste Farben neuen Lebens – mitten im alten, am totgeglaubten Baumstumpf spüren wir in unserer Seele, in unserem eigenen Leben und auch in dieser Welt die Kraft dieses neuen Lebens. Klein, leicht zu übersehen, gefährdet zu zerfallen, aber: Es ist da. Da gibt es Momente in denen wir uns geborgen fühlen, ein Zuhause finden. Hier darf ich sein. Hier ist es gut. Eine Schuld oder ein Versäumnis bestimmt nicht unser ganzes Leben. Eine neue, kaum erhoffte Lebenschance tut sich auf. In mühsamen und anstrengenden Zeiten fällt unsere Seele – wider alles Erwarten – nicht ins Bodenlose. Wir fühlen uns, von guten Mächten wunderbar geborgen, spüren, wie uns eine stille Zuversicht und Gelassenheit zuwächst. Ein Bild möchte ich weitergeben.

Wenn ich von meinem Schlafzimmerfenster in den Garten runterschaue, dann sehe ich da eine Rose blühen. Eine kleine, sehr rote Rose. Ich sehe sie schon den ganzen Oktober über, im November war sie immer noch da und auch jetzt im Dezember strahlt sie mir jeden Morgen kühn entgegen. Ich habe mir nämlich angewöhnt, morgens gleich rauszuschauen, ob sie noch da ist. Und tatsächlich: unberührt von Frost, Wind und Regen streckt sie sich tiefrot aus dem scheckigen Braungrün des winterlichen Gartens empor. Einmal war ich schon versucht, sie abzuschneiden für die Vase. Ich habe es dann aber doch nicht gemacht. Im warmen Wohnzimmer wäre sie nur verblüht. Und so ist immer noch da, die rote Rose in meinem Pfarrgarten.

 „Und glaube ja nicht dass der Garten im Winter seine Ekstase verliert. Er ist still. Aber die Wurzeln sind aufrührerisch ganz tief da unten.“

 Der persische Mystiker Rumi hat das gesagt. Auch wenn er noch so tot aussieht, der winterliche Garten, da geht noch was. Da geht was vor sich, was für das menschliche Auge nicht gleich sichtbar ist. Das geschieht etwas gegen den Augenschein. Das letzte Grün, das manche Büsche noch tragen, ist eine Erinnerung an andere Zeiten. Der winterliche Garten hat immer etwas Verwunschenes. Still liegt er da, als ob er träumt.

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.

Pfarrer Michael Stichling